Fliehende Spazierende

Ich möchte gerne schreiben, über heute, meinen Spaziergang. Es war viertel nach vier, Mitte April, es hatte stark geschneit, in großen Flocken, von denen keine einzige eine Flocke blieb, sobald sie auf den Boden, das Auto, oder ein Heckenblatt trafen. Ich hatte im Geheimen gehofft, dass wenigstens eine dünne, scheue Schicht liegen bleibt. Warum? Keine Ahnung. Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass ich Spuren in den Schnee machen könnte. Schwarze Spuren, in den hellgrauen Schnee, durch den man noch immer den Asphalt sehen kann. Nein, ich glaube wenn dann, dann muss es ein niederer Wunsch gewesen sein. Vielleicht wollte ich einfach auf Kosten all derer, die draußen arbeiten müssen etwas besonderes sehen. Ein plötzlicher Kälteeinbruch. Nun gut. Später schien die Sonne, da war ich auch nicht dagegen. Bei solchem Wetter formieren sich Licht und Schatten zu einem großen Schauspiel am Himmel. Ich ging also den Schotterweg entlang und hatte neben den Stoffschuhen, in die ich meine Füße gestreckt hatte auch noch mindestens den Himmel zu beobachten. Die Schuhe brauchten deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil sie sehr gerne Feuchtigkeit annahmen und ich sie davon abhalten wollte. Oder eher das Gras davon abhalten wollte das Wasser, was auf seinen Halmen saß auf meine Schuhe zu übergeben... So in etwa. Trotz der Überwachung meiner Schritte sammelte sich einige Feuchtigkeit am vorderen Drittel des Schuhs an, aber mit solchen Rückschlägen war ich einverstanden, sie waren im Rahmen dessen, was mir unvermeidbar schien – Vielleicht auch deswegen unvermeidbar, weil ich die mit trockenen Schuhen schlecht zu vereinbarende Lust verspürte manchmal ein, zwei Schritte vom recht trockenen Weg herunter ins Gras zu tun.

Aber jetzt sollte ich zum Himmel kommen. Denn meine Schuhe waren nur ein Teil meiner Überlegungen während des Spazierengehens und auf keinen Fall der Hauptteil. Die Überlegungen, die meine Schuhe betroffen haben traten eher auf wie sich Kondenswasser an einer Scheibe sammelt, wenn man Wasser kocht, ein Nebeneffekt, oder soetwas in der Art. Der Himmel beeindruckte mich, ich musste erst einmal stehen bleiben und fühlte ein paar Tränen kommen. Das fand ich sehr tiefsinnig, aber leider wollte keine Träne wirklich aus meinem Auge (welches war mir egal) rollen. Das war enttäuschend. Es gibt da ein Problem, dem ich schon länger auf der Spur bin. Sobald ich heulen will – und manchmal wünsche ich mir mich dem Heulen völlig und hemmungslos hinzugeben, adieu zu allen Sinnen zu sagen und mich in voller Freude meinem eigenen Klagen zu widmen, trete ich in Erwartung quasi zurück und horche wie es in mir aufwallt. Aber dann hört es auf. Keine Träne. Die großen Wallungen die sich eben noch angekündigt haben, ziehen sich zurück. Selbst darüber, dass ich scheitere zu heulen lässt sich kein Auge mehr befeuchten.

Ich stand also da, scheiterte daran von meiner Ergriffenheit beim Anblick der Wolken zu erschaudern. Und die beiden feuchten Augen blieben genau so; feucht, nicht mehr und nicht weniger, es war also sehr enttäuschend.

In diesem Moment fing es an zu hageln.

Nein, das stimmt nicht ganz, es waren zuvor schon vereinzele, sehr kleine Körnchen hier und da auf die Erde geplumpst. Aber jetzt fing es richtig an, wobei die Körner genauso zart und klein wie am Anfang blieben, nur einfach mehr auf einmal sich zur Erde herunterstürzten. Und Mutter Natur hatte mich wieder vor der Peitsche der eigenen Gedanken gerettet. Zumindest bis ich meinen Blick, der bis dahin wunderbar melancholisch (vielleicht sogar gedankenlos, ich kann mich nicht daran erinnern, aber an Gedankenlosigkeit kann man sich ja nie erinnern, das ist ja der Witz an der Sache) über die seichten Hügel geglitten war, an eine näher kommenden Gruppe Menschen festklebten.

Sie kamen direkt aus der Autobahnunterführung heraus, die mich auch gerade in diesen Grünstreifen entlassen hatte. Sie liefen gerade auf mich zu. Es mag am Weg gelegen haben, der wie eine Linie die kürzeste Strecke zwischen ihnen und mir darstellte und es war anzunehmen, dass es sich nur um eine spazierwütige Familie handelte, die nichts von mir wollte. Trotzdem waren sie eine näher kommende Störung und wie ein tief von der Landschaft ergriffener Dummkopf wollte ich auch nicht stehen bleiben und warten, bis sie vorbei waren. Da gab es zu viele Entscheidungen zu treffen, die mich verwirrten und ich hätte gleich wieder nach hause gehen können. Einige der Fragen, die sich gestellt hätten wären z.B. sollte ich grüßen? Wenn ja, wann? Sollte ich davor so tun als ob mir ihre Anwesenheit nicht auffallen würde? Nein.

Also schlug ich einen schnellen Gang ein und konnte einiges an Vorsprung gewinnen, vor allem weil die Familie zwei kleine Kinder mit sich führte, an deren Tempo sie sich anpassen mussten. Der Hagel hatte inzwischen aufgehört, aber nicht bevor ich an der Absperrung zu einem Steinbruch vorbei kam, auf dessen Eisenstäben die Hagelkörner kleine Töne entstehen ließen. Ich blieb stehen, aber nur ein bisschen, der Abstand zwischen der Familie und mir war mir noch nicht groß genug. Außerdem kam ich an eine heikle Stelle des Spaziergangs, die mir so einige Male schon so in etwa, oder leicht verändert passiert war:

Über mir schwebte quasi die Frage ob ich weiter an die Familie denken sollte, die mich mit jeder Pause, die ich machte, jedem Schritt,der langsamer als ihre Schritte war, einholen würde. Nicht, dass ich mir diese Frage in diesem Wortlaut gestellt hätte, nein, sie schwebte mehr über mir und ich weiß nicht wieso, manchmal entscheidet es sich so und manchmal anders. An diesem Tag ließ ich die Familie laufen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Ich hielt meine Finger in die Flamme, oder, um die Metapher passender zu gestalten, ich ließ die Kerze unbeaufsichtigt, obwohl mir die Brandgefahr sehr klar war. Gut. Ich glaube ich guckte mir ein paar Bäume an. Und auch ein paar der Felder.

Einige der Rapspflanzen hatten sich jetzt schon zur Blüte hinreißen lassen. Die Blüten sahen ganz hübsch aus, da wurde ich traurig: Sie würden wahrscheinlich vergehen ohne, dass eine Biene sie bestäuben würde. All die Mühe im kalten Wetter schon eine Knospe zu treiben, die Blüte zu öffnen, einzig und alleine in der Hoffnung sich fortzupflanzen, ohne Erfolg. In diesem Sinne waren diese die Frühchen unter Blüten. Und wirklich, sie waren auch sehr klein und blühten nur in der Mitte des Feldes, als könnten sie sich nur im Schutze der umstehenden Rapspflanzen zur Blühte wagen. Aber ich habe weder über Bienen noch Rapspflanzen genügend Wissen, das machte wohl meine Sorge über die Rapsblüten etwas weniger ernst. Vielleicht gab es schon genügend Bienen, die den Raps angemessen bestäuben würden. Immerhin ist es April. Der Winter ist schon gut vorbei, selbst der kalendarische. Egal. Der Raps sah so, verfrüht in der Mitte des Feldes blühend, zu zart aus, als dass sie noch Früchte tragen würden. Ich entschied wohl, ohne es zu wissen ob ich richtig lag, dass sie alle vergehen würden, ohne zur Fortpflanzung zu dienen, ohne ihren Sinn erfüllt zu haben, während andere, größere, schönere Blüten nach ihnen kommen würden, die wegen ihrer Größe und Schönheit bessere Chancen hatten. Ich war tief bewegt:

Das machte mich traurig und deswegen auch glücklich, weil ich es als handfesten Beweis für meine menschlichen Qualitäten hielt. Güte gegenüber Gottes Geschöpfen!

Mein Müßiggang wurde glatt gestraft, schon hörte ich einen Schuh kleckernd hinter mir. Ein Blick nach hinten half auch nichts, er bestätigte nur was ich schon wusste: Sie kamen näher. Es war ersichtlich, dass sie kaum den kurzen, ungeteerten Abschnitt des Weges nehmen würden, da konnte ich etwas Zeit gewinnen. Außerdem standen die Chancen fünfzig-fünfzig, dass sie abbögen, um weiter am Wald entlang zu spazieren, während ich in Richtung Brücke ginge. Ich floh voran auf den Feldweg, meine erste Prognose bestätigte sich, sie blieben auf dem Asphaltweg. Ein wenig verachtete ich sie dafür sich vor etwas nasser Erde und Schutt derart zu fürchten. Eigenartig, da sie mir doch beinahe einen Gefallen taten, indem sie einen Umweg einschlugen. Vielleicht dachte ich von mir selbst ich sei weniger bequem als sie, ich weiß nicht. Ich ging auf dem Schotterweg, hatte solche Gedanken und schaute die Familie an. Sie ignorierten leider den Weg, der zum Wald hin und weg von mir geführt hätte. Also besetzten sie hartnäckig einen Teil meiner Aufmerksamkeit – und bleiben dadurch auch ein Teil dieser Geschichte. Ich denke deshalb komme ich jetzt nicht mehr drum herum sie genauer zu beschreiben. Es waren zwei Kinder, kleine Kinder. Und einige ältere Leute. Ich weiß nicht, zwei Eltern und zwei Großeltern? Das muss reichen, mehr kann ich dazu nicht mehr sagen. Wie liefen sie? In einer Gruppe. Niemand brach aus dieser Gruppe heraus, ging vor oder blieb zurück. Äußerst harmonisch. Quasi Familienglück, könnte man sagen, doch so weit will ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, denn es wäre auch möglich, dass sie durchaus unter der Konstellation Familie schrecklich litten und von so weit entfernt könnten sie ihren Hass auf ihr Leben sehr gut vor mir verbergen. Also bleibe ich bei dem was ich feststellen konnte: Alle hatten sich auf eine Geschwindigkeit geeinigt und hielten sie durch, beeindruckend.

Ganz anders als ich, denn ich hielt überhaupt keine Geschwindigkeit durch und hatte schon wieder gestoppt. An einem Baum, ich weiß das noch genau. Der Baum hatte keine Blätter und es fällt mir schwer zu sagen ob er keine Blätter mehr oder ihm noch keine Blätter gewachsen waren. Es war April, also sollte da schon was wachsen. Jedenfalls reckte er seine Äste so, schwarz in den Himmel, kahl. Und ich ließ diese Bande hinter mir leichtsinnig aus dem Blick. Schon waren sie wieder hinter mir her. Sowas. Aber ich kannte eine kleine Abkürzung, die mir einen angenehmen Vorsprung vor der Familie verschaffte. Ich musste nur meine kleine Pause aufgeben, bis ich zur Autobahnunterführung zurück gelangte, eine Runde, wie ich gerne sage und andere, die diese Runde laufen, sagen das sicher auch gerne, eine Runde laufen. Jetzt ging das bergab und ich versteckte mich hinter der Unterführung, bis die Familie vorbeigegangen war. Ich kann wohl sagen ich genoss meine Freiheit in vollen Zügen. Die Sonne kam heraus. Kein Hagel mehr. Ja, gut. Ich würde sagen ich hatte bald etwas Schiss mich zu langweilen, also ging ich auch zurück, rein ins Haus, damit war die Sache dann auch recht schnell vorbei. Vielleicht passierte noch etwas, ich traf einen Hund, an der Leine mit einem Menschen. Ja, auf jeden Fall, sowas passierte noch auf dem Heimweg. Aber das ist ein bisschen egal. Ich bin etwas müde, das war alles.


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